Transam Scratch-Report

Mit etwas Abstand habe ich nun nach zwei Monaten endlich Zeit in ruhe zu erzählen, wie es mir in den USA ergangen ist, weshalb ich aufgeben musste und am Ende der Weg das Ziel war. Auch wenn das etwas gefährlich ist, da man die schlechten Momente wohl schnell verdrängt und nur die guten in Erinnerung geblieben sind. Ich bemühe mich jedoch um einen objektiven Bericht.

1. Teilabschnitt: Astoria (Oregon) – Wiggins (Idaho)

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Am ersten Tag  ging es gleich mit 375 Km im 30er Schnitt los. Das war, vor allem im Nachhinein betrachtet evtl. etwas optimistisch. Die anderen um mich herum waren alle ziemlich erfahrene Ultraracer, die nur lächelten, als sie hörten, dass ich sowas zum ersten Mal mache. Die ersten 100 Km ging es am 101 an der Pazifik Küste entlang, bevor es in das Landesinnere ging. Am Mount Washington vorbei ging es weiter nach Westen. Das Oregon so schön ist, wusste ich vorher ehrlich gesagt nicht, so kam ich aus dem Staunen kaum raus.

 

Ein paar Videos habe ich auch gedreht:

In den ersten drei Tagen hatte ich die ersten 1000 Km voll und ich fühlte mich überraschend gut. Zumindest auf dem Rad. Alles abseits des Rades war doch ziemlich stressig und hatte nicht viel Lebensqualität zu bieten. Um 6 Uhr morgens auf das Rad bis ca. 21 Uhr. Duschen, Essen und Haushaltsführung (Bekleidung / Rad waschen/putzen). Hier machte sich auf jeden Fall meine fehlende Erfahrung in Sachen Bikepacking bemerkbar. es musste sich erst einspielen möglichst effizient alle Taschen zu packen, am Rad zu befestigen etc. Bisher war ich es doch gewohnt, dass mir bei den Rennen abseits der Strecke alles hinterhergetragen wurde. Am vierten Tag bin ich in Halfway, kurz vor Idaho im Motel aufgewacht und hatte jetzt richtig Bock auf diesen Tagesablauf. Ich machte grosse Pläne und war sehr zuversichtlich….was sich später am Tag jedoch ändern sollte. Nach ca. 6 Stunden auf dem Rad spürte ich ein leichtes ziehen an der rechten Achillessehne. Ich hielt kurz an, um den Schuh fester zu binden, dachte mir nichts weiter dabei. Zwei Stunden später wurden die Schmerzen stärker und ich hielt an um mal genauer nachzusehen. Bei leichter Berührung der Sehne tat sie bereits unfassbar weh. In diesem Moment will man es nicht wahrhaben und doch weiss man genau was das bedeutet. Ich schleppte mich noch leicht bergab bis Riggins und stoppte dort bereits nach 240 Km in einem Motel. Die rechte Achillessehne war so geschwollen, dass der Bereich rund um den Knöchel nicht mehr wiederzukennen war.

2. Teilabschnitt Riggins – Grangeville (Idaho)

Von dem kleinen Dorf Riggins musste ich es irgendwie in die nächste grössere Kleinstadt Grangeville schaffen, um eine Apotheke zu finden. Ich hatte zwar Voltaren dabei, doch die hatte ich bereits angefangen zu nehmen wie Smarties und der Vorrat war nur begrenzt. Im Regen fuhr ich über den Whitebird Hill 80 Km bis zum ersten Motel in Grangeville. Dort buchte ich mich gleich für 2 Nächte ein. Meine Sehne sollte wenigstens einen ganzen Tag Ruhe bekommen. Zwei ganze Tage wären natürlich besser gewesen, doch hatte ich einen knappen Zeitplan um meinen Flieger in Washington DC zu bekommen. Ich deckte mich mit Kinesio Tape und weiteren Schmerzmitteln ein. Dazu versorgte ich mich gut und konnte meine Bekleidung waschen und trocknen.

Whitebird Hill:

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3. Teilabschnitt Grangeville (Idaho) – Silverthorne (Colorado)

Morgens um 5 ging es los. Ich war so heiss darauf endlich wieder fahren zu können. Die Beine fühlten sich unfassbar gut an und ich fuhr fast schmerzfrei Richtung Montana. Entlang des Lochsa River kam es noch zu einem kleinen Pannenintermezzo. Man sollte vielleicht keine Ultralight Schläuche ausprobieren die man nicht kennt.

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Am Lolo Pass fühlte ich mich noch richtig gut und ich schaffte knapp 340 Km. Den Schmerz der rechten Sehne konnte ich auf dem Rad ziemlich gut unterdrücken, doch es tat doch ziemlich weh, sobald ich runter war vom Rad. Weiter ging es am nächsten Tag Richtung Yellowstone. 315 Km bis nach Ennis waren möglich ohne vor Schmerzen vom Rad zu fallen. Mein Voltaren Konsum war mittlerweile doppelt so hoch wie maximal empfohlen.  Es folgte ein kurzer Tag bis West Yellowstone. Nach den vielen einsamen Strassen und kleinen Städten war Yellowstone anders. Es ist zwar auch sehr klein, jedoch waren Unmengen Touristen unterwegs. So war ich froh am nächsten morgen um 5 Uhr alleine durch den Yellowstone Park zu fahren. Das war mit Abstand das Highlight des ganzen Trips. Absolut unglaublich den Sonnenaufgang in dem NationalPark vom Rad aus zu erleben.

 

in motion:

 

Ich war nun in Wyoming angekommen. Das merkte man schon sofort an den Strassenverhältnissen. Alle 10 Meter gab es eine 2-5cm Fuge die sich nach 7-8 Stunden so anfühlen, als würde man einen Bordstein hochfahren. Definitiv keine schöne Erfahrung. Es ging über einen 2800m Pass bergab in die Hochwüste auf 2000m. Innerhalb einer Stunde fuhr ich von 0 Grad an der Passhöhe in die 30 Grad warme Hochwüste (siehe die nächsten beiden Videos.

Später weiter im Landesinneren kurz von Wyoming:

Dort fährt man buchstäblich durch die Prärie. Alle 100Km eine kleine Stadt. Bisschen wie im wilden Westen. Am Ende waren es 370Km von West Yellowstone bis Lander. Das war einer zu viel für die Sehne. Trotz der medikamentösen Spitzenverbrauchsbehandlung schmerzte sie unfassbar. Die Schwellung rund um die Sehne wurde immer gösser. Eine Sehen war gar nicht mehr zu erkennen. So musste ich mir eingestehen, dass es wohl unmöglich werden würde es bis zur Ostküste zu schaffen. Zumindest nicht im angestrebten Zeitplan. So sass ich am nächsten Tag in der Prärie auf dem Rad und jede Pedalumdrehung schmerzte wie die Hölle. Bis ich schliesslich nach 100Km meine Eltern anrief und sie darum gebeten habe nach einem Heimflug ab Denver zu suchen. Erst spielte ich noch mit dem Gedanken von Denver nach LA zu fahren, von dort dann nach DC und weiter nach Hause. Mit der Sehne war aber nichts mehr zu machen. Auch nur 4 Stunden am Tag wäre zu viel gewesen. Meine Eltern waren ziemlich froh, dass ich nun eingesehen habe, dass es nicht mehr geht. 2 Stunden später war der Flug ab Denver 6 Tage später gebucht. Irgendwie kurbelte ich noch die 270 Km bis nach Saratoga.

Von dort  musste ich nun „nur“ noch in die Nähe von Denver kommen. In Silverthorne wusste ich von einem Warmshowers Gastgeber (Ann), dass ich auf jeden Fall zwei Tage bei ihr bleiben könnte, bis ich alles organisiert habe bzgl. meiner Rückreise. Mit den 305 Km bis zu ihr, machte ich die 3000 Km in 12 Tagen (11 Tage auf dem Rad, ein Ruhetag) voll. Die Strassen in Colorado sind im Übrigen genauso wie in Wyoming. Müde und erleichtert kam ich bei Ann an, die mit einem Abendessen auf mich wartete.

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4. Teilabschnitt Silverthorne (Colorado) – Frankfurt (Germany)

Als Ann meine rechte Sehne sah wollte sie sofort mit mir ins Krankenhaus aber ich konnte sie überreden, dass wir erstmal abwarten wie es sich entwickelt. Am nächsten Tag habe ich mir erstmal zivile Bekleidung gekauft und mich nicht bewegt. Ann kümmerte mich sehr um nicht. Bis zum Rückflug durfte ich bei ihr bleiben und sie zeigte mir die Gegend mit dem Auto. Wir waren unter anderem in Leadville und am Red Rocks Amphitheatre. Sie brachte mich dann auch zum Flughafen und ich humpelte mit meinem verpackten Rad zum Check-Inn.

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Es war ein unglaublich intensiver Trip, der zwar nicht so endete wie ursprünglich geplant doch zu keinem Zeitpunkt habe ich es bereut, es versucht zu haben. Wenn mein Kopf oder die Beine versagt hätten, wäre das hart für mich gewesen. Das Risiko einer Überlastungsreaktion an Sehne oder Bändern war ein einkalkuliertes Risiko. Aber: no risk, no fun. Mehr Analyse und einen Ausblick in die Zukunft folgt in einem separaten Beitrag.

PS: Bei der Spendenaktion sind am Ende knapp 700 Euro zusammengekommen. Vielen Dank dafür! Ich werde das Geld am 26.8 an Gokul von Access übergeben, denn er ist gerade in Deutschland unterwegs um Spenden zu sammeln.

 

 

Ein Gedanke zu “Transam Scratch-Report

  1. guten morgen lucas, das war ein heroischer trip, unglaublich was du trotz der “sehne” in der lage warst zu leisten – es hat mich tief beeindruckt. fuehle dich bitte nicht als verlierer, die natur und den koerper kann man nur bedingt besiegen – diese einsicht musste ich auch schon den oefteren erfahren. du hast grosses geleistet, du wirst es dein leben nicht vergessen, in meinen jetzt 61 jahren habe ist erkannt – es gab vielleicht 5-10 ereignisse welche mein leben praegten. ich vermute das dieser trip fuer dich ein solcher schluesselmoment darstellt. machs gut lucas.

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